23. November 2010

Zeige mir, wie Du Dich bewegst und ich sage Dir, wie Du denkst 2. Teil

Eigentlich müsste Teil 2 Teil 1 sein und Teil 1 müsste Teil 2 sein. Alle Klarheiten beseitigt? ;-)
Denn in diesem Beitrag soll es um unsere Kinder gehen....

Dass viele „Erwachsene“ sich gehen lassen und sich durch Bewegungsarmut und starkes Übergewicht selbst Probleme schaffen, dann auf Kosten der Gesellschaft die daraus resultierenden Krankheiten von der Medizin repariert haben wollen und dann noch jammern, wenn sie dafür auch noch bezahlen sollen, könnte man ja noch als weltoffener Mensch tolerieren. Viel schwerer wiegt, dass diese Leute auch ein gesellschaftliches Bild zeichnen und unsere Kinder tagtäglich mit diesem Zerrbild konfrontieren. Mit einer schon ans Lächerliche grenzenden gesellschaftlichen Akzeptanz werden fettleibige Bewegungslegastheniker zur Normalität.

Besonders Menschen, die wichtige gesellschaftliche Funktionen innehaben und Leitbilder für unsere Kinder generieren, versagen diesbezüglich völlig. Spontan fällt mir da der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl ein. Dessen Körperform jeder Beschreibung spottet und welcher sich eher als Werbeträger für Burger King oder Schöller eignet, als als klarsichtig denkender Staatsmann. Oder auch der ehemalige Linksaußen-Fischer mit seinem Buch "Der lange Lauf zu mir selbst". Wenn man sich dessen Umrisse anschaut, dann freut man sich schon, dass er überhaupt noch laufen kann.

Nun ja, Kinder an die Macht, trällerte einst Grönemeyer. Nö, sage ich, dann lieber faulendes Gemüse und unförmigen Fisch ertragen. Denn wussten Sie, dass bei einem Test in einem Baseler Kindergarten 50 Prozent der Kinder keine einfache Vorwärtsrolle mehr konnten? Wussten Sie, dass nur durch das Erlernen von gezielten und gesteuerten Bewegungen im Kleinkindalter wichtige Strukturen im Gehirn angelegt werden? Wussten Sie, dass diese Strukturen dann wichtige Verbindungen zwischen einzelnen Nervenzellen herstellen?

Wussten Sie, dass es dadurch erst möglich wird, im Gehirn Kommunikation zwischen verschiedenen Bereichen stattfinden zu lassen? Wussten Sie, dass diese Kommunikation die Voraussetzung für das Denken ist? Wussten Sie, dass die Leistungsfähigkeit der Kommunikationswege zwischen den einzelnen Zellen den Unterschied zwischen „dummen“ und intelligenten Kindern ausmacht? Um Ihnen ein Beispiel zu geben:

Wenn Kinder in der Lage sind, sich gezielt zu bewegen, sind sie in der Lage durch ihre vielfältigen Bewegungserfahrungen ein inneres Bild des äußeren Raumes aufzubauen.
Sobald das Kind Richtungen in Bezug zu seinem eigenen Körper einzuordnen lernt (Was ist vor, hinter, rechts und links von mir? Was ist oben und unten?), entsteht diese Raumerfahrung. Das Kind nimmt sich selbst im Raum wahr, lotet die Grenzen und die Beschaffenheit des Raumes aus, indem es sich in allen möglichen Körperpositionen im Raum bewegt und speichert die gewonnenen Eindrücke als Vorstellung und Erfahrung ab. Mathematisches und geometrisches Denken resultiert daraus. Denn das ist sinnbildlich nichts anderes als das Umordnen, Ordnen und In-Beziehung-setzen von Mengen in einem vorgestellten innerlichen Raum. Das Körperschema mit seiner verinnerlichten Raumvorstellung dient als Grundlage hierfür.

Viel zu häufig verwechseln die Eltern Konditionierung mit Intelligenz. Oft sind Eltern stolz, wenn Kinder mit drei Jahren bereits mit einem Gameboy spielen oder von allein durch das Fernsehprogramm zappen. Gern wird der gut dressierte Nachwuchs dann Freunden und Bekannten mit dem Ausruf präsentiert: Schaut mal, wie intelligent unser Kleiner schon ist. Nun ja, eine richtige Taste drücken ist keine Leistung. Das macht nach ein paar Tagen Training jede Maus und dressiert so den Professor, der dann auf Tastendruck losläuft und als Belohnung der Maus ein Stück Käse bringt. Kinder, die viel Zeit vor elektronischen Geräten verbringen oder mit dem Fernseher „ruhig gestellt“ werden, versäumen wertvolle Entwicklungsschritte, die später nie mehr nachgeholt werden können.

Von enormer Wichtigkeit ist gerade der Erwerb grundlegender Fähigkeiten in den
Bewegungsmöglichkeiten und das Entwickeln einer breiten Basis im Bewegungsrepertoire.
Sobald sich Kinder zu früh auf eine bestimmte Sportart festlegen oder gezwungen durch ehrgeizige Eltern festlegen lassen, passiert das, was man den Erwerb von Teilfähigkeiten nennt: Kinder können vielleicht mit der einen Körperhälfte gut Tischtennis spielen. Mit der anderen Körperhälfte können sie hingegen gar nichts. Vom richtigen Gehen, Stehen und aufrechten Sitzen gleich ganz abgesehen. Damit Ihr Kind alle Chancen zur persönlichen Entwicklung hat und sich alle Anlagen optimal entwickeln, muss es über eine breite Basis im Bewegungsvermögen verfügen. Den Grundstock für die Infrastruktur im Zentralnervensystem sichert allein ein umfangreiches Bewegungsvermögen. Je mehr unterschiedliche Bewegungsarten Ihr Kind beherrscht, desto breiter und ausgeprägter ist seine Basis und desto sicherer wird es später seine intellektuellen Möglichkeiten entfalten.

Selbstverständlich gilt das hier Geschriebene auch für den Erwachsenen. Ein erwachsenes
Gehirn lernt ein Leben lang weiter und wenn man es ganz genau nimmt, muss man am Ende seines Lebens seine höchsten motorischen Fähigkeiten entwickelt haben und über ein überdurchschnittliches Bewegungsvermögen verfügen. Leider sind dann die meisten Menschen wieder an dem Punkt angelangt, von wo aus sie vor vielen Jahrzehnten gestartet sind. Sie werden in einer Verwahranstalt gewindelt und gefüttert.

Gerade bei Erwachsenen kann man häufig auch ein anderes Phänomen beobachten: Die Eltern sitzen mit Rundücken am Tisch im Restaurant und fordern ihr Kind mehr oder weniger deutlich auf: Sitz gerade! Der Papa zündet sich anschließend einen Glimmstengel an und sagt zu seinen Kindern: Wehe ihr raucht mal - das ist völlig ungesund. Oder die Kinder gehen nach der Schule noch in etliche Kurse und die Eltern verplanen deren Kindheit. Immer mit der Begündung, dass es ihren Kindern mal besser geht als ihnen selbst. Und so wollen Unstudierte, dass ihre Kinder studieren. Unsportliche Leute wollen sportliche Kinder. Und Hartz4-Empfänger wollen, dass ihre Kinder mal Hartz5 bekommen.;-)

Hinter all dem steckt ein kollektiver Mangel an kognitiver Begabung. Denn wenn in einem Kindergarten 50 Prozent der Kinder keine einfache Vorwärtsrolle mehr konnten, liegt es keineswegs an den Kindern. Sondern daran, dass auch die Eltern keine Rolle mehr können. Andere Elternteile hingegen denken ernsthaft, sie können ungebildet bleiben und ihre Kinder sollen dafür nach Bildung dürsten. Oder Raucher rauchen jeden Tag vor ihren Kindern und wollen diese zu Nichtrauchern erziehen.

Unsere Kinder spiegeln nur den emotionalen und körperlichen Zustand der Erwachsenen wider und zeigen auch schön den gesamt-gesellschaftlichen Zustand. Deswegen muss man keine Programme und Angebote für Kinder entwickeln, sondern man muss Angebote für Erwachsene entwicklen. Die sind häufig selbst noch auf einer infantilen Stufe der Entwicklung stehen geblieben. Schließlich verlangen die von ihren Kindern das Leben zu leben, welches sie aus Unvermögen, Faulheit oder Desinteresse nie gelebt haben.

1 Kommentare:

  1. @Frank Demann

    bin in einigen Punkten Ihrer Meinung, ABER

    Haben Sie Kinder? (nix für ungut, aber das ist was, was es nicht über nachzudenken zu erfahren gibt) Ich verschlinge/lese Ihre Anmerkungen zur richtigen Körperhaltung, aber ohne Senmotic Blue kann ich doch nicht weiter... Und dafür muss ich erst mal sehen, ob die "Kasse" den Kurzurlaub nach Düsseldorf vielleicht hergibt. Das ist nicht für jeden so aus der "Portokasse" finanzierbar. Und Sie glauben nicht, was 4 Personen für Kosten verursachen...

    Mit 8 Jahren haben die Kids es bereits raus, dass der "Alte" doch allein in den Wald soll. Der Freund kommt zum "Zocken". Wie es gibt keine WII, kein Nintendo DS, aber alle in der Schule.......

    Ich weiss nicht, ob Sie je so da gestanden haben. Als "Rabenvater" konnte ich ca. 2 Jahre durchsetzen, dass mein Sohn nicht in die Versuchung von Schokolade kam. Wozu auch? Massivst Junkfood. 3-4 Jahre hat er "totes Tier" in der Tiefkühle des Discounters der nächsten einkaufenden Omi deklariert. Wir haben viel gelacht.

    heute liebt er dennoch Fleisch, Süssigkeiten, Playstation & Co. Weder ich noch meine Frau essen z.B. Fleisch... Ich habe das Gefühl, dass hier mehr als die Eltern im Spiel um die gesitige Gesundheit unserer Heranwachsenden mitspielen. Bitte dies als Anmerkung verstehen.

    "Der Alte geht mal wieder raus, oh neee, lass mal! Geh Du nur."

    Es ist einfach zu einfach den heutigen Konsumgewohnheiten nachzugeben. Argumentieren und Problematiken aufzeigen, tja, interessiert leider wenig. Hab's mir einfacher vorgestellt, aber dennoch, vielleicht gelingt es ja zum Denken anzuregen.

    Ich bin noch mit Bonanza und Daktari aufgewachsen und bis zum Dunkeln vor der Tür gewesen. Tja heute ist da keiner mehr. Ganztagsschulen und elektronische Beruhiger lassen grüssen.

    Ich freue mich daher über die Male, wo es dann doch noch gelingt raus in die "Prärie" zu kommen und wer mitgeht.

    Nichts ist einfach ;)

    Andreas L

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