19. Dezember 2011

Können Schaufensterpuppen menstruieren?

Ein Gastbeitrag von Ronny Liebmann, Senmotic Blue Therapeut, Physiotherapeut und Schaufensterpuppen-Therapeut. ;-)

Man sieht sie fast überall in unseren so beliebten Konsumtempeln, Modegeschäften und Boutiquen. Die Schaufensterpuppen dieser Welt blicken täglich auf uns herab, sofern sie denn überhaupt noch ein Gesicht haben. Perfekt geschminkt und gestylt, stellen sie für den außenstehenden Kunden oder Passanten den Inbegriff der Idealfigur und des perfekten Aussehens dar. Die Modepüppchen sind seit ihrer Geburt einem stetigen Wandel unterzogen, waren stets ein Spiegelbild ihrer Zeit und sind es noch. Umso erschreckender, denn nie waren sie gruseliger als heute. Zumindest, wenn man Proportionen und Körperstruktur betrachtet, denn hier ist man auf einer Seite weit von der Realität entfernt und auf einer anderen ganz nah dran. Aus körpertherapeutischer Sicht wären die meisten dringend behandlungsbedürftig, andere kaum mehr zu retten.

Wahrhaft lebens- und funktionsfähig wäre der Großteil dieser Gestalten heute nicht mehr, zumindest was ganz allgemeine Körperfunktionen betrifft. Bis 1950 hätten die weiblichen Figuren ihre Tage noch bekommen können. Danach sind ihre Ärmchen und Beinchen immer dünner geworden. So dünn, dass sie im wirklichen Leben, ganz wie bei Magersüchtigen oft der Fall, unfruchtbar wären.

Das haben finnische Forscher wissenschaftlich nachgewiesen. In ihrer Studie „Können Schaufensterpuppen menstruieren?“ haben die Finnen Schaufensterpuppen aus den letzten 80 Jahren verglichen und ihren „Fettanteil“ berechnet. Bis 1950 entsprach er noch dem einer gesunden Frau, danach ist er kontinuierlich gesunken. Bei den heutigen Puppen liegt er so niedrig, dass keinerlei normale Körperfunktionen mehr möglich wären. Nur eins passt bei den Plastikschwestern noch: Die Sachen von der Stange. Aber unseren Damen auch? Wohl eher nicht, denn die Modebranche misst mit zweierlei Maß. Für die älteren Kundinnen sind die Größen praktisch mitgewachsen, die jüngeren müssen sich ins Modische reinhungern. Jede dritte normalsterbliche Frau trägt laut Hohensteiner Institut Größe 42-44, jede zehnte 46. Bei H&M wären diese Damen schon Kandidatinnen für die “Big is Beautiful“ – Abteilung.
Was soll man da nur machen? Na klar, runterhungern!

Laut dem Münchner „Therapiezentrum für Essstörungen“ macht schon unter den sieben- bis zehnjährigen Mädchen jede Vierte Diäten, bei den bis 15-jährigen sogar jede Zweite! 90 % der weiblichen Teenager wollen abnehmen, 75 % finden ein Gewicht unterhalb des Normalgewichts am „attraktivsten“. Das Problem hat also epidemische Ausmaße. Extreme Magerheit bei Frauen führt nicht selten zur Unfruchtbarkeit. Somit wäre ein großer Teil der weiblichen Weltbevölkerung, weiter strenge Nacheiferung des Modepuppenideals vorausgesetzt, in Sachen Fortpflanzung schon mal stark eingeschränkt.

Aber auch die männlichen Schaufensterpuppen zeigen ihre Wirkung auf die “Krieger“ dieser Welt. Das männliche Körperideal zeigt sich durch übertriebene Muskulösität, wie sie der Durchschnittskrieger nur durch hartes Muskeltraining erreichen könnte. Bodybuilder die dieses Ideal besonders gut verkörpern, nehmen nicht selten Anabolika ein, was erwiesenermaßen durchaus auch zu Unfruchtbarkeit führen kann. Das scheint der Ausgleich in Sachen Unfruchtbarkeit zu sein, Spielstand Männer:Frauen 1:1! Noch gar nicht in diese Rechnung eingeflossen sind die zunehmende Steifigkeit, der Verlust an ökonomischen Bewegungsmustern und eine Menge anderer Dinge, die mit dem unnatürlichen Aufpumpen einhergehen.

Der Waschbrettbauchphilosophie absolut gegenüber steht nun allerdings ein propagiertes Leitbild der vollkommenen Haarlosigkeit der männlichen Schaufensterpuppen, aber auch anderer Leitbildträger in den Medien. Glatt von Kopf bis Fuß ist da das Motto. Markante Männlichkeit und Maskulinität zeigt nun aber eigentlich einen hohen Testosteronspiegel an, der normalerweise einen höheren Bart- und Haarwuchs am ganzen Körper zur Folge hätte. Aber nix da! Das entstandene Produkt ist vollkommen konträr, nämlich hypermaskulin aber jungenhaft, quasi ein haarloser Adonis. Dies ist also schon aus hormoneller Sicht nur künstlich zu erreichen.

Die Verbreitung solch unrealistisch männlicher Idealfiguren hat zur Folge, dass eben auch Männer langsam aufrücken, was das Nachrüsten angeht. Muskelimplantate für Brust und Waden werden zunehmend von Schönheitschirurgen eingesetzt. Männliche Bodybuilder weisen eine hypermuskulöse Form auf, die z.B. eine Schulterbreite aufweist, die der doppelten Taillenbreite entspricht.

So wie zahlreiche Frauen sich auf ungesunde Weise mit ihrem Körperfett beschäftigen, leiden immer mehr Männer an einer schädlichen Besessenheit was ihre Muskelmasse angeht. Dies ist quasi die umgekehrte Form der sog. Anorexia nervosa. Eines der wenigen Fremdworte, was vielen mageren Gestalten wohl auch ohne Lateinkenntnisse geläufig ist. Zu deutsch: Magersucht. Die umgekehrte Form bei den muskelbesessenen Männern wäre dann die Anorexia athletica. Wo magersüchtige Frauen sich immer noch als zu fett empfinden, empfindet sich der objektiv muskulöse Mann als zu dünn. So stopfen sich dann einige mit Steroiden voll und stemmen die Eisen wie verrückt, um Masse aufzubauen.

Dieses hypermaskuline Körperideal erreicht viele sogar schon in sehr jungen Jahren z.B. durch virtuelle Helden aus Computerspielen und Comics. Erinnern Sie sich? Der Muskelzuwachs bei männlichen Comic-Helden hat interessanterweise über die Jahrzehnte beständig zugenommen. Die populäre Figur “Batman“ beispielsweise weist inzwischen eine Schulterbreite auf, die nur knapp unter der Hälfte seiner Körpergröße liegt. Bösewichte fangen könnte dieses Exemplar in der realen Welt nicht mehr. Wäre eher lustig anzusehen, wie sich ein Klotz mit solchen Maßen versucht in unserer Welt zu bewegen. Der gejagte Bösewicht müsste ihn wahrscheinlich nur mit dem Zeigefinger an der Stirn antippen und er würde umfallen wie ein gefällter Baum. Auch wenn die bei Mädels so beliebte Barbie eine echte Frau wäre, müsste sie auf allen Vieren kriechen. Mit ihren Proportionen ist es beinahe unmöglich, sich aufrecht zu halten.

Naja, das Ganze scheint schon eine Art “kulturelle Mikroevolution“ zu sein. Wenn die Anzahl an hinterfragenden Menschen nicht sehr bald deutlich ansteigt und sich diese Leitbilder weiter durchsetzen, werden in den Fußgängerzonen wohl bald immer mehr vor sich hin kriechende Zeitgenossen zu finden sein. Vorsicht! Nicht stolpern! Aber wenigstens haben diese dann die gewünschte sehr kleine oder eben übergroße Konfektionsgröße. Wäre interessant zu beobachten, ob Menschen von solch einem Jagen nach unwirklichen Idealen ablassen würden, wenn sie die Fähigkeit zu laufen oder aufrecht zu stehen verlieren würden. Wetten würde ich darauf nicht.

Wo die Modepuppen an Proportionen immer unrealistischer werden, sind sie in Sachen Körperhaltung allerdings manchmal ziemlich nah dran, was die Durchschnitts-Körperhaltung der Lebenden angeht. Hier sieht man wie beschrieben zwar muskulöse Exemplare, die aber in sich trotzdem eingesunken wirken. Aufgepeppte Brustmuskeln, eingefallenes Brustbein. Oft passend dazu die beliebten, nach vorn eingerollten Schultern, häufig mit weit hervorstehenden Schlüsselbeinen bei den Damen, die unter sich tiefe Kuhlen bilden, als könne man mit Leichtigkeit rechts und links je einen Fleischerhaken einhängen, um die armen dürren Dinger dann daran zur Notschlachtung zu schleifen. Auch die Beckenstellung findet sich häufig recht unfunktionell, wie auch so oft am lebenden Exemplar, in neutraler bis nach hinten geneigter Form. Man sieht Köpfe auf langen Hälsen, die ein ganzes Stück vor den Schultern schweben, wie eine Giraffe die sich in einer Baumkrone auf Futtersuche befindet. Auch ein Klassiker sind die, die mit durchgebogenem Kreuz dastehen, wie die rumänische Nationalmannschaft der Kunstturnerinnen. Sehr natürlich das Ganze. Wieder andere sind vollkommen ohne jede physiologische Schwingung und wirken wie strammstehende Soldaten. Und manchmal verwechselt man auch echte Menschen mit den Puppen und erschrickt dann plötzlich, wenn sie sich doch bewegen. Tja, diese Ähnlichkeiten, täuschend echt!

Auch in anderer Hinsicht spiegeln die Puppen den Zeitgeist immer mehr wider. Nachdem sich die eher realistischen Schaufensterfiguren über nahezu 150 Jahre einen festen Platz in der Schaufensterkultur erobert haben, werden in den letzten Jahren verstärkt abstraktere Schaufensterpuppen in der Dekorationslandschaft bevorzugt. Zum einen findet man oftmals nur noch Körperhälften oder den Schaufensterpuppen fehlen komplette Gliedmaßen in unterschiedlicher Kombination. Häufig sind es die Beine, ab und zu die Arme, oft beides zusammen. Ein absoluter Renner unter den neuen Formen der Mannequins und Schaufensterpuppen sind sogenannte faceless und headless Schaufensterpuppen. Entweder die Figuren verlieren ihren Kopf gleich ganz, oder sie dürfen ihn behalten, aber es wird bewusst auf die Gestaltung des Gesichts, das Modellieren der Gesichtszüge usw. verzichtet. Kleine Einbuchtungen am Kopf lassen Nase und Mund gerade noch erahnen. Mit ihren abgerundeten Formen sehen sie aus wie Riesenembryos. Andere haben brettflache Gesichter ohne Nasen, aber übergroß aufgemalte Augen und Lippen, was stark unserer Vorstellung von Aliens gleicht. Dies ist bewusst so und soll den Designern nach ein futuristisches Aussehen verleihen. Dafür dürfen die armen Aliens aber auch Lederjacken, Felle und andere teure Waren tragen.

Ziel des Ganzen: Es wird auf Details verzichtet, damit der Blick des Kunden direkt auf die Ware gelenkt wird. Es soll nichts, aber auch gar nichts vom Kleid ablenken. Allerdings wirken die Puppen durch diese neue Nüchternheit immer abstrakter und oftmals seelenlos. Außerdem kühl und distanziert. Die Puppen als Spiegel der Zeit? Eine Zeit, in der die Menschen immer gesichts- und charakterloser, kühler und distanzierter werden? Ein Gesicht ist wie das andere, keine Unterscheidungsmerkmale, keine Ecken, nichts Markantes mehr? Alles ein Bevölkerungs-Einheitsbrei, wo man Unterschiede nur noch an einer günstigen oder teureren Lederjacke ausmachen kann? Futuristische Zukunft gleich futuristisches Aussehen? Was eine fehlende Nase allerdings mit der Zukunft zu tun hat, bleibt mir unverständlich. Wie es aussieht waren Michael Jackson und die ägyptische Sphinx uns um diesen Schritt voraus.

Unpassend zu ihren Winterkleidern, stehen übrigens fast alle Puppen barfuß im Schaufenster. Das hat weniger einen ästhetischen, als einen praktischen Grund. Oft ist ein Fuß über eine Stütze fest mit dem Sockel verbunden und könnte nur einen Schuh mit einem Loch in der Sohle tragen. Meist sind die Füße auch fest vorgeformt in Spitzfußstellung, damit man ihnen überhaupt, wie eben üblich, Schuhe mit Absätzen anziehen kann. Das wäre bei stehenden Puppen ganz und gar unmöglich, wenn die Füße in Normalstellung modelliert wären.

Wie es allerdings aussieht, wenn man eine Puppe, die eine normale, flache Fußstellung hat, doch in High-Heels stellt, sehen Sie auf dem folgenden Foto, welches ich beim letzten Einkaufsbummel mit einem Schmunzeln auf den Lippen schießen konnte. Die Dame ist nun doch beachtlich in Schräglage geraten.


Was dieses Bild perfekt verdeutlicht ist folgendes: Jeder Mensch auf dieser Welt der Absätze trägt, würde im Grunde genauso dastehen wie die Puppe auf dem Foto. Nur dass der Mensch diesen schrägen Zustand, der durch den Keil unter der Ferse entsteht, sofort ausgleicht indem er den Oberkörper zurücklehnt. Diese Fähigkeit ist dieser Dame hier natürlich nicht vergönnt, aber Ihnen schon. Nun denken Sie das Spiel weiter. Was passiert eigentlich, wenn sie aus aufgebockter Position den Oberkörper gerade stellen? Sie überstrecken Ihren Rücken nach hinten. Und zwar in dem Maß, in dem Sie unten aufgebockt haben, um oben wieder geradeaus schauen zu können. Sie können sich der Überstreckung anhand eines kleinen Tests zu Hause bewusster werden.

Stellen Sie sich barfuß hin. Versteifen Sie Ihren Oberkörper und den Kopf, so dass alles wie ein Brett gerade bleibt. Verlagern Sie langsam Ihr Körpergewicht auf die Vorderfüße, bis sich hinten die Fersen ein paar Zentimeter vom Boden abheben, ohne dass Sie einen Ausgleich in Kopf- oder Oberkörperposition zulassen. Sie stehen nun da wie ein Skispringer, wenn er sich nach vorn gelehnt in der Luft befindet und der Körper vollkommen gerade gehalten wird. Oder eben wie die Puppe auf dem Foto. Der Abstand zwischen Ihrer Ferse und dem Boden symbolisiert einen Schuhabsatz. Halten Sie diese vorgeneigte Position, richten aber nun Kopf und Oberkörper soweit auf, dass Sie wieder ganz geradeaus schauen. Die Fersen bleiben in der Luft. Frieren Sie diesen Zustand in Kopf- und Oberkörperposition erneut ein und verändern ihn nicht. Sie haben bisher nur das gemacht, was Ihr Körper üblicherweise von allein tut, wenn Sie einen Schuh mit Absatz tragen, nur dass Sie sich das Überstrecken im Rücken bewusster gemacht haben.

Wenn Sie so überstreckt nun die Kopf- und Oberkörperposition nicht verändern, während Sie mit den Fersen wieder langsam nach unten zu Boden sinken, werden Sie sich nun deutlich nach hinten überstreckt vorfinden. In genau diesem Zustand befindet sich Ihr Körper im Prinzip permanent, wenn Sie Absatzschuhe tragen. Der erste Teil der Übung wird perfekt von der fotografierten Schaufensterpuppe dargestellt. Nur, dass sie nicht ausgleichen kann und es so besonders bildhaft wird. Wir können also auch etwas lernen von den Modepuppen unserer Zeit. Ein Dank an den netten Menschen des Bekleidungsgeschäfts, den es scheinbar nicht störte die Dame so schräg im Laden zu positionieren!

Vielleicht sieht man das demnächst ja häufiger. Wäre ein schöner Feldversuch, der aufzeigen könnte, ob auch so ein Leitbild sich langsam durchsetzen würde und wir bald Menschen auf den Straßen sehen, die versuchen so schräg durch die Gegend zu laufen. Bei genug Gegenwind werden Leute in stürmischeren Gebieten auch heute schon des Öfteren in so einer Schräglage beobachtet. Warum also nicht auch bei Windstille? Vielleicht wird es auch ein neuer Trendsport so zu laufen? Ich sehe schon die Slogans vor mir. “Nordic Walking war gestern, Storm Walking kräftigt jede Wade!“

Es gibt in der Schaufensterpuppen-Landschaft übrigens nicht nur Sonderlinge, die sich in Schräglage nach vorn präsentieren. Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, findet man nach kurzer Suche natürlich auch irgendwo die passenden Gegenstücke! So können Sie auf den folgenden Bildern nun Exemplare sehen, die mit modellierten Füßen für hohe Absätze ausgestattet wurden, denen es aber vergönnt ist diese auch zu tragen.
Spitzfußstellung in zu flachen Schühchen? Das ergibt eine deutlich überstreckte Haltung nach hinten. Natürlich trotzdem völlig lässig wirkend. Auch wenn es zunächst so aussieht als stünden die Damen auf Absätzen, der Schein trügt. Schauen Sie genau hin, keine da! Die eine musste man sogar anlehnen, sonst wäre sie wohl umgefallen. Würde man sie so absetzen, dass die Füße den Schuhen entsprechend ganz flach den Boden berühren, würden sie wohl in gut 45° Stellung nach hinten posieren. Wie lustig das dann aussehen würde, können Sie auf dem letzten Bild sehen. Deswegen müssen die armen Dinger eben die ganze Zeit auf Zehenspitzen stehen. Naja, auch dieses Muster verhilft zu straffen Waden, sollte es je die Massen erreichen. Viel Spaß bei Ihrem nächsten Einkaufsbummel, vielleicht werden Sie ja auch fündig.

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